Wie Krankenkassen unsere Krankenversicherung aushebeln wollen
Helsana, Groupe Mutuel und Sanitas haben ihr Herz für junge Versicherte entdeckt. Und starten einen Frontalangriff auf unsere Krankenversicherung: Sie wollen alle Älteren massiv zur Kasse bitten. Und damit den Kern unserer Krankenversicherung aushöhlen.
Die Gesundheitskosten steigen auch im neuen Jahr und damit auch die Krankenkassenprämien. Darum gibt es wieder «kreative» Reformvorschläge. Jetzt will man die Älteren zur Kasse bitten.
Unsere Krankenversicherung kennt vier Solidaritäten. Nämlich zwischen gesund und krank, Frau und Mann, Jung und Alt – und zwar schweizweit. Das Ergebnis ist eine Einheitsprämie: Alle bezahlen überall in der Schweiz beim gleichen Versicherer gleich viel. Jedenfalls in der Theorie des Gesetzes.
Denn die vierte Solidarität – die schweizweite Einheitsprämie – haben die Krankenversicherer schon bisher ignoriert. Und kantonal unterschiedliche Prämien erhoben. Das dürfen sie an sich. Der Schönheitsfehler: In den wenigsten Kantonen waren diese Prämien kostendeckend. Die Differenz bezahlten die Versicherten weniger Kantone, darunter Basel-Stadt und Baselland. Das sollte dank mehrerer meiner Vorstösse abgestellt sein. Zurzeit wird um die Rückvergütung verhandelt.
Und flugs nehmen die ersten Krankenkassen die nächste Solidarität ins Visier: diejenige zwischen Jung und Alt. Das braucht eine Erklärung: Heute müssen Krankenkassen für Junge und Alte dieselbe Einheitsprämie erheben. Und anderseits in einen Ausgleichstopf einzahlen, wenn sie überdurchschnittlich viele Junge haben. Aus diesem Topf werden Krankenkassen entschädigt, die überdurchschnittlich viele Alte versichern.
Dieser Risikoausgleich ist nötig, wenn der Pseudomarkt zwischen den Krankenversicherern funktionieren soll. Sonst kann eine Kasse einfach junge Gesunde anwerben und im Gegenzug alte Kranke vergraulen. So würde die Solidarität zwischen Jung und Alt und zwischen Gesund und Krank ausgehebelt. Der Risikoausgleich verhindert das.
Dieser Risikoausgleich war ursprünglich holzschnittartig (Jung-Alt, Mann-Frau). Es gab riesige Schlupflöcher. Denn nicht jeder Gesunde ist jung und männlich, und nicht jede Kranke ist alt und Frau.
Lukrativ waren wegen des Risikoausgleichs nicht etwa junge Gesunde, wie viele glauben. Das ist Kabis. Denn für die gibt es kein Geld aus dem Ausgleichstopf. Lukrativ sind gesunde Ältere. Für sie gab es Geld, wenn sie keine Leistungen benötigten. Der frühere Helsana-Chef Manser wusste das. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum Helsana im Jahr 2010 über 1000 Franken aus dem Ausgleichstopf erhielt. Und zwar im Durchschnitt und für jede einzelne versicherte Person. Helsana hatte 2010 fast 615'000 Versicherte. Das ergibt einen schönen Batzen.
Unterdessen ist der Risikoausgleich verfeinert worden. Nach jahrelangem zähem Widerstand von Kassenvertretern, deren Verwaltungsräte zum Teil direkt in den Gesundheitskommissionen des Parlaments sassen. Jetzt soll er noch feiner werden. Das macht die Jagd nach «guten Risiken» schwieriger. Einfacher wäre für Kassen da die Einführung neuer Prämienkategorien. Bloss: Je kleiner die Versichertenkategorie, desto geringer der Solidaritätseffekt. Es wäre ein Abschied in Raten von der Einheitsprämie. Und damit die Rückkehr zu persönlichen Risikoprämien.
Das wäre ein Dammbruch. Als nächstes würde die Solidarität Frau-Mann zur Disposition gestellt (Ausgleichvolumen etwa 1,5 Milliarden Franken pro Jahr). Danach die Solidarität zwischen Gesund und Krank im Allgemeinen. Diese Annäherung an persönliche Prämien hätte sehr unschöne Folgen, welche die Schweizer Bevölkerung nicht wollte und gerade deshalb das Krankenversicherungsgesetz an der Urne befürwortet hatte.
Ein Beispiel: Eine Dialyse kostet pro Jahr mehrere zehntausend Franken, egal ob Sie nun jung sind oder alt, ob Frau oder Mann. Sie dürfen einmal raten, wie hoch in einem solchen System Ihre persönliche, risikogerechte jährliche Prämie wäre, wenn Sie ein Nierenleiden hätten. Natürlich zuzüglich Verwaltungsaufwand Ihrer Kasse (bei der Helsana beispielsweise in Höhe von fast einer Monatsprämie).
Die Kassen würden sich selbstverständlich dagegen verwahren, die Solidaritäten aufweichen zu wollen. Im Ergebnis ist es aber genau so.
Das Problem steckt denn auch nicht bei den erwähnten Solidaritäten, von denen diverse Kassen jetzt eine aushebeln wollen, sondern an einem anderen Ort: Das Problem steckt in der versteckten fünften Solidarität unserer Krankenversicherung. Das ist diejenige zwischen Arm und Reich. Wegen der Einheitsprämie bezahlt ein Milliardär keinen Rappen mehr Krankenkassenprämie als eine Verkäuferin. Als soziale Korrektur gibt es dafür aus Steuermitteln individuelle Prämienverbilligungen. Diese aber werden in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten gekürzt, wie Zürich oder Baselland vormachen.
Diese Umverteilung von Arm zu Reich im System der Krankenversicherung stellen Helsana, Sanitas und Groupe Mutuel aber interessanterweise nicht zur Diskussion. Ein Schelm, wer Böses denkt?







Social media
RSS abonnieren
Twitter