Jean Ziegler (1934-2026): «Sterben ist ein Skandal»

Jean Ziegler im Parlament
Der Soziologe Jean Ziegler, der im Juni im Alter von 92 Jahren in der Nähe von Genf starb, war eine prägende Figur der Schweizer Linken und vertrat die SP während sieben Amtsperioden in Bundesbern. Zeit seines Lebens kämpfte er unermüdlich für die Werte der Sozialdemokratie und der internationalen Solidarität.

Von Rudolf Strahm, ehemaliger SP-Zentralsekretär, alt Nationalrat und Preisüberwacher

«Sterben ist ein Skandal», klagte Jean Ziegler beim letzten Telefongespräch, als er durch seine Parkinson-Krankheit schon stark gezeichnet und behindert war. «Non!», soll sein allerletzter Ausruf gelautet haben.

Die emotionale Abdankungsfeier in der voll besetzten Kathedrale in Genf wird wohl allen Anwesenden in Erinnerung bleiben. Ein Dutzend Würdigungen aus allen Kontinenten mit gemeinsamem Nenner: «Merci Jean, tu vas nous manquer.» (Merci Jean, du wirst uns fehlen.) Es ertönte die ergreifende Hymne «Gracias a la vida», und nach dem Abschluss mit der Totenmesse intonierte die Orgel die Internationale – tausendstimmig ertönte es in der Kathedrale, teils mit erhobener Faust: «Debout les damnés de la terre» (Wacht auf, Verdammte dieser Erde).

Früher Einsatz für die Entrechteten und Hungrigen dieser Welt

Ich habe den jungen Privatdozenten Jean Ziegler als Student und «Tiers-Mondiste» an der Uni Bern Ende der 1960er-Jahre erlebt. Er mobilisierte unsere Gemüter mit Bezug zum Biafra-Krieg und zu den Kolonialkriegen in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau.

Jahre später hatte ich das Privileg, mit zwei andern Ökonomen Zulieferhilfen zu leisten für sein erstes Buch zur Schweiz, «Une Suisse au-dessus de tout soupçon» (Eine Schweiz – über jeden Verdacht erhaben, 1976). Es entfachte einen Aufruhr. Nie zuvor hatte ein Autor der internationalen Leserschaft mit Kritik an Bankgeheimnis, Kapitalflucht und Geldwäscherei derart die Doppelmoral der Schweiz vor Augen geführt. Von da an wurde Jean Ziegler als Nestbeschmutzer exkommuniziert, denunziert und gemieden.

Weckruf eines Weltbürgers, der seiner Zeit voraus war

Ich glaube, ohne Jean Zieglers Weckruf von 1976 hätte die SP nach dem Chiasso-Skandal der Schweizerischen Kreditanstalt SKA nicht den Mut gehabt, ab 1978 die Bankeninitiative zu lancieren und bis 1984 (erfolglos) durchzuziehen. Helmut Hubacher stand immer zu Ziegler. Er spöttelte: «Im Ausland weiss ja niemand, wie unsere Bundesräte heissen, aber Jean Ziegler kennt man in der ganzen Welt.»

Jean Ziegler hat in seinem Leben rund 30 Bücher herausgebracht, die weltweit in vielen Sprachen und in Millionenauflagen verbreitet worden sind. Gewiss, in Details und Ziffern war Jean nicht immer sattelfest und solid. Wenn man ihn darauf hinwies, er habe sich um eine Zehnerpotenz getäuscht, antwortete er: «C'est une question de témoignage» – es gehe um das Bekenntnis.

Niemand kann heute behaupten, Jean Ziegler hätte die fundamentalen Trends des Neokolonialismus und des späten Kapitalismus – etwa Kapitalflucht, Geldwäscherei, Rohstoffkonzern-Macht, Potentatengelder – falsch eingeschätzt. Der Weitgereiste war einfach früher zur Stelle und mutiger.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Jean Ziegler, liebevoll betreut von seiner zweiten Gattin, der bekannten Kunsthistorikerin Erica Deuber, im Genfer Vorort Russin. Jean hatte noch nächste Buchprojekte im Kopf. Doch nun hat er 92-jährig im «Cimetière des Rois», dem Friedhof der historischen Genfer Persönlichkeiten, seine letzte Ruhestätte gefunden.

 

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