Von Barbara Gysi, Nationalrätin SG
Nur gerade fünf Jahre lang politisierte Hilde, wie sie von allen genannt wurde, im St. Galler Kantonsrat. Dann zog sie 1997 in den Nationalrat ein, wo sie während 16 Jahren viel bewegte. Nationale Bekanntheit erlangte die studierte Mathematikerin und langjährige Kantilehrerin als profunde und herausragende Finanz- und Wirtschaftspolitikerin sowie als pointierte Fraktionspräsidentin der SP-Bundeshausfraktion.
Ihr grösster Erfolg: Abschaffung des Bankgeheimnisses
Denken wir nur schon an die UBS-Krise von 2008, die sie als Präsidentin der Kommission für Wirtschaft und Abgaben mit scharfem Verstand meisterte, wobei sie gleichzeitig nicht mit Kritik an den herrschenden Missständen sparte. Die internationale Finanz- und Steuerpolitik interessierte sie sehr, und Hilde leistete einen wichtigen Beitrag zur Abschaffung des Bankgeheimnisses und im Kampf gegen Steuerhinterziehung. Sie leitete zu diesen Themen auch SP-interne Arbeitsgruppen.
Während Jahren prägte sie zudem die Landwirtschaftspolitik der SP. Als Präsidentin des Hausvereins Schweiz (heute Casafair) setzte sie ein wichtiges Gegengewicht zur bürgerlichen Immobilienlobby im Bundeshaus. Als Bildungspolitikerin wurde sie später zudem in den Universitätsrat St. Gallen gewählt.
Von 2002 bis 2006 stand sie der SP-Bundeshausfraktion vor. Es gelang ihr, die Fraktion zu einen und ihr ihren Stempel aufzudrücken. Mit ihrer klaren und gleichzeitig herzlichen Art lenkte sie die Geschicke der Fraktion auf hervorragende Weise.
Hilde verschaffte sich als aufrichtige Kämpferin für Gerechtigkeit und Gleichstellung über die Parteigrenzen hinaus Respekt und wurde sehr geschätzt. Links spielte sie in erster Linie in der Politik. Am rechten Flügel des FC Nationalrat schoss sie als eine der wenigen Frauen im Team gar manches Goal. Ausdauer bewies Hilde nicht nur in vielen politischen Auseinandersetzungen, sondern als passionierte Läuferin auch an manchem Marathon. Bei alledem blieb sie immer bodenständig und ihren Überzeugungen treu.
Engagiert für die Gleichstellung
Während vieler Jahre prägte Hilde auch die St. Gallische Politik. Drei Jahre lang war sie unsere Kantonalpräsidentin. Als damalige Parteisekretärin erlebte ich ganz direkt, wie Hilde politisierte, auf die Menschen zuging und geschätzt wurde. Dass wir dereinst Seite an Seite im Nationalrat sitzen würden, dachten wir damals nicht. Die Verankerung in der Region war Hilde immer wichtig. Die Werdenberger SP-Frauen begleiteten Hilde über all die Jahre intensiv, und dort engagierte sie sich auch nach ihrem Rücktritt 2013 weiterhin.
Ein besonderes Herzensprojekt war für Hilde der Prix Wasserfrau: Den internationalen Frauenförderpreis rief sie 2002 unter dem Dach der Sozialistischen Bodenseeinternationale ins Leben und präsidierte ihn als Gründungspräsidentin. Der Preis zeichnete Frauen und Organisationen aus, die in der Bodenseeregion über die Landesgrenzen hinaus wichtige Beiträge zur Förderung von Frauen und Mädchen leisteten.
Hilde war eine aussergewöhnliche Politikerin, wie es nicht viele gibt. Sie hinterlässt ein grosses politisches Erbe. Wir sind traurig über den grossen Verlust und gleichzeitig dankbar für den Weg, den wir gemeinsam für eine gerechtere Welt gehen durften.