Von Pia Wildberger
Was in einem kleinen Food-Truck startete, ist heute ein einladender Lebensmittelladen im Zentrum von Thun, direkt beim Bahnhof: Fritz & Frieda. Die Gründerin Sandra Kissling bietet mit ihrem Team von Radiesli über Erdbeeren bis Edelpilze alles an, was in den grossen und kleinen Läden, Käsereien, Bäckereien oder Bauernhöfen der Region nicht mehr in die Verkaufsregale darf. Weil das Datum bald abläuft, das Rüebli zu krumm oder der Pfirsich zu reif ist. «Dabei sind die Lebensmittel noch einwandfrei.»
Zu gross, zu klein, zu krumm
Wie sie das alles schafft? «Ich bin eine Rebellin. Wenn ich etwas umsetzen will, mache ich einfach mal, egal was andere sagen.» Man könnte auch sagen, dass Tatkraft, kreative Ideen und Charme ihr Markenzeichen sind – und sie so Berge versetzt für ihre Vision einer Welt ohne Food Waste. Wenn die 50-Jährige in Restaurants oder Geschäften Lebensmittelabfälle beobachtet, «regt mich das richtig auf», sagt sie, die selbst jahrelang die Küche eines grossen Eventlokals führte und als Störköchin den Lebensunterhalt verdiente.
Besonders ärgert sie, wenn Bäuerinnen und Bauern ganze Ernten unterpflügen müssen, weil die Blätter des Radiesli nicht mehr schön genug für den Detailhandel sind oder der Salatkopf zu klein. «Man sollte mit Stückpreisen aufhören, da gibt es immer zu kleine Gurken, die dann für den fixen Preis nicht weggehen.» Angemessener wäre der Kilopreis.
Ein echtes Problem
Die Welt wäre eine bessere ohne Food Waste. In der Schweiz fallen jährlich rund 2,8 Millionen Tonnen vermeidbare Lebensmittelverluste entlang der gesamten Wertschöpfungskette an. Ein grosser Teil der verschwendeten Lebensmittel wird aussortiert, bevor sie in den Handel gelangen. Ein erheblicher Teil entsteht in Haushalten und verursacht so rund ein Drittel der Umweltbelastung aus Food Waste.
Wir können alle etwas tun
Die Folgen sind erheblich: Wenn Lebensmittel hergestellt, aber nicht konsumiert werden, führt dies zu unnötigen CO2-Emissionen, Biodiversitätsverlust sowie Land- und Wasserverbrauch. 25 Prozent der Umweltbelastung unseres Ernährungssystems sind auf Food Waste zurückzuführen – und letztlich wird auch das Haushaltsbudget belastet.
Sandra Kissling und ihr Team verwerten bei Fritz & Frieda alle Lebensmittel – entweder im direkten Verkauf oder für das Salatbuffet, an dem die Angestellten aus den Büros rund um den Bahnhof ihr Zmittag zusammenstellen. Und was nicht verkauft wird, verwertet Kissling mit den zwei Mitarbeiterinnen weiter. Druckstellen werden weggeschnippelt, Gemüse oder Früchte kleingeschnitten und gedörrt, in einem Müesli verwertet oder in einer Suppe zum Mitnehmen angeboten – Sandra Kissling hat tausend Ideen, die den Food Waste messbar reduzieren. Allein 2024 rettete sie mit Fritz & Frieda 48 Tonnen Gemüse, Früchte, Käse und Brot, 12 000 Sandwiches, 8500 mal süsse und salzige Teile sowie 12 000 Joghurts.
Diese Zahlen sind beeindruckend. Aber für Sandra Kissling nicht genug. Gut möglich, dass sie künftig mit Fritz & Frieda Kochkurse anbietet, ein Café eröffnet oder einen Online-Shop für Gedörrtes aufgleist.
Fritz & Frieda, Bahnhofstrasse 8 in Thun, geöffnet von Montag–Samstag, 9–19 Uhr
Rezept: Friedas Früchte-Retter-Riegel
Zutaten für 4 Personen
- 500 g überreife Früchte
- 250 g Haferflocken
- 2 EL neutrales pflanzliches Öl
- Honig oder Zucker
Zubereitung
- Früchte waschen, rüsten und in kleine Stücke schneiden.
- Früchte pürieren oder mit der Gabel zerquetschen, nach Belieben Honig oder Zucker beigeben.
- Haferflocken und Öl dazugeben, alles gut verrühren – am besten mit den Händen.
- Die Masse 10 Minuten quellen und eindicken lassen.
- Backblech mit Backpapier auslegen und die Masse darauf 1–2 cm dick verstreichen.
- Im Backofen bei 160 Grad Ober-/Unterhitze 50 Minuten backen, bis die Ränder goldbraun sind.
- Das Blech aus dem Ofen ziehen und die Masse mit einem scharfen Messer in Riegelform schneiden.
- Die Riegel wenden und nochmals 20 Minuten backen.
- Die Riegel vollständig auskühlen lassen und erst dann anrichten (sonst zerfallen sie leicht).
Haltbarkeit
In einem gut verschlossenen Tupperware im Kühlschrank mindestens ein halbes Jahr haltbar.
Essen ist politisch!
Unsere Ernährungsweise ist für rund ein Drittel der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Für den Fleischkonsum wird Regenwald abgeholzt und Soja angebaut, das als Kraftfutter für Tiere dient. Ein Teil der Ernte landet zudem im Abfall. Am meisten Food Waste fällt in Privathaushalten an.
Doch dagegen lässt sich etwas tun. Renommierte Köchinnen und Köche stellen in dieser Serie eines ihrer nachhaltigen Lieblingsrezepte vor.