Alt Nationalrat Jean Ziegler ist heute im Alter von 92 Jahren verstorben. Er war eine prägende Figur der Schweizer Linken und vertrat die SP während sieben Amtsperioden in Bundesbern. Zeit seines Lebens kämpfte er unermüdlich für die Werte der Sozialdemokratie und der internationalen Solidarität. Die SP trauert heute um einen aussergewöhnlichen Genossen und spricht seiner Familie und Angehörigen ihr tiefstes Mitgefühl aus.
Jean Ziegler gilt heute als einer der erbittertsten Kritiker des globalisierten Kapitalismus und der sozialen Ungerechtigkeit. Doch nichts deutete in seinen Anfängen auf eine derart wechselvolle Karriere hin. Geboren wurde er als Hans Ziegler in eine bürgerliche deutschsprachige protestantische Familie in der Region Thun. Zunächst absolvierte er ein Jus-Studium, später studierte er Soziologie. Er konvertierte zum Katholizismus und nahm auf Anregung von Simone de Beauvoir die französische Sprache sowie den Vornamen «Jean» an. Als einer der bedeutendsten Schweizer Soziologen lehrte er von 1972 bis zu seiner Emeritierung 2002 als ordentlicher Professor an der Universität Genf und an der Sorbonne in Paris. Den Grundstein zu seiner politischen Karriere legte er 1963 als Gemeinderat der Stadt Genf. 1967 wurde er in den Nationalrat gewählt, dem er fortan bis 1983 sowie von 1987 bis 1999 angehörte.
Während seiner parlamentarischen Karriere, die sich über 28 Jahre erstreckte, kämpfte er vor allem als Mitglied der Aussenpolitischen Kommission unermüdlich für internationale Gerechtigkeit, für gerechtere Arbeitsbedingungen in der Schweiz und gegen Korruption. In der Schweiz war er ein wichtiger Wegbereiter für die Einführung des Wahl- und Stimmrechtsalters 18. Aufgrund seines lebenslangen Einsatzes für seine Überzeugungen wurde er im Jahr 2000 zum Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung ernannt und 2009 ins Vizepräsidium des Beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen gewählt.
Jean Ziegler machte sich auch als Autor zahlreicher Bücher einen Namen, die sich kritisch mit dem globalisierten Kapitalismus (Die neuen Herren der Welt) auseinandersetzten, dem Hunger in der Welt und der Rolle der multinationalen Unternehmen (Das Imperium des Hungers, Geopolitik des Hungers) sowie mit dem Schweizer Finanzplatz (Die Schweiz wäscht weisser) und mit der Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs und insbesondere mit den nachrichtenlosen Vermögen jüdischer Personen (Die Schweiz, das Gold, die Toten). Jean Ziegler bezahlte für seine Kritik einen hohen Preis, da viele kritisierten Unternehmen und Personen gegen ihn Prozesse anstrengten.
Für die SP Schweiz wird Jean Ziegler eine prägende Figur bleiben, die immer für soziale Gerechtigkeit, internationale Solidarität und Gleichheit unter den Völkern einstand. In seinem sozialdemokratischen Kampf wird er für viele Genoss:innen immer ein Vorbild bleiben. Er hat mit seiner Kritik nicht nur die Sozialdemokratische Partei geprägt, sondern auch in der Geschichte unseres Landes Schweiz unauslöschliche Spuren hinterlassen.



