Von Pia Wildberger
«Zivis sind keine Drückeberger», sagt Kurt Egger, 71. Der Rentner besucht zwei Mal wöchentlich das Tageszentrum im Adlergarten, einem Alterszentrum am Rande der Winterthurer Altstadt. Im Garten, zwischen alten Föhren und farbenprächtigen Tulpenwiesen, dreht er seit knapp einem Jahr mit dem Rollator seine Runden, häufig in Begleitung von Zivi Robin Eichenberger, 20. «Zivildienstleistende machen ihren Job!», stellt der Parkinsonpatient klar.
Robin Eichenberger leistet, wie viele andere auch, seinen Dienst an der Gesellschaft in einem Alterszentrum. Dort servieren junge Männer Kaffee, stapeln Stühle, räumen die Küche auf oder holen bei Bedarf ein wärmendes Jäckchen – Heinzelmännchen im Einsatz. «Was hätten wir Patienten davon, wenn sie wegblieben und die Pflegerinnen Stühle schleppen müssten? Gar nichts!»
Bald 40 Prozent weniger Zulassungen zum Zivildienst?
Doch genau dieses Szenario droht bei Annahme des Zivildienstgesetzes, das am 14. Juni zur Abstimmung kommt: Das bürgerlich dominierte Parlament hat Massnahmen in das Gesetz geschrieben, die den Übertritt vom Militär- zum Zivildienst erschweren und zu 40 Prozent weniger Zulassungen zum Zivildienst führen sollen.
Stattdessen sollen die jungen Männer Militärdienst leisten. Ob diese Rechnung für die Armee aufgeht, ist mehr als fraglich. Sicher ist jedoch: Die Männer werden dort aus dem Dienst an der Gesellschaft gedrängt, wo sowieso schon Personal fehlt – im Gesundheitswesen, in der Betreuung, in Schulen, im Natur- und Umweltschutz. Gegen das Gesetz hat darum eine breite Allianz von den Grünen bis zur EVP das Referendum ergriffen.
Frischer Wind im Alltag
«Wenn Zivildienstleistende weniger Einsätze leisten, geht das auf Kosten des Personals, aber auch der Gäste und Bewohner:innen», sagt Theresa Hoffmann, Standortleiterin des Alterszentrums Adlergarten. Wegfallen würden Arbeiten, die nicht im engeren Sinne pflegerische Tätigkeiten sind. Beispielsweise müsste im Tageszentrum die Fachperson, die als Teil des Aktivierungsprogramms mit den Senior:innen den Mittagssalat rüstet, die Abwaschmaschine selbst ausräumen, den Müll hinaustragen oder am Abend aufräumen – also Zeit aufwenden, die dann in der Betreuung fehlt. Für Gäste des Tageszentrums gäbe es weniger Spaziergänge, Spiele oder ungezwungene Gespräche. «Es entstünde dort ein Defizit, wo es um das Wohlbefinden der Gäste und Bewohner:innen geht», sagt Theresa Hoffmann. «Und Zivis bringen frischen Wind in den Alltag.»
Sieben Zivis sind im Adlergarten, dem grössten Alterszentrum der Stadt, beschäftigt. Dieses umfasst neben dem Tageszentrum auch eine Wohngruppe für Demenzkranke sowie fünf Abteilungen für Langzeitpflege und eine Abteilung für temporäre Aufenthalte und Kurzzeitbetten. Man glaubt Standortleiterin Theresa Hoffmann aufs Wort, wenn sie sagt: «Es ist wichtig, dass wir weiterhin mit den Zivis rechnen können.»
Von der Armee zum Zivildienst
Warum ist die Erfolgsgeschichte «Zivildienst» derart unter Druck? Letztes Jahr erbrachten Zivildienstleistende fast 1,9 Millionen Diensttage für die Gesellschaft. Es wurden über 7200 junge Männer zum Zivildienst zugelassen, knapp die Hälfte von ihnen nach angefangener oder bereits beendeter RS. Obschon die jungen Männer mit der Umteilung einen deutlich längeren Dienst an der Gesellschaft in Kauf nehmen, ist es genau dieser Wechsel, welcher der Armee besonders ein Dorn im Auge ist.
Auch Zivi Robin Eichenberger rückte im Sommer 2025 direkt nach der Matura in Sitten ein. «Aber ich war völlig überlastet und konnte nicht mehr schlafen», beschreibt er die zwei Wochen in der RS. Als es ihm besser ging, liess sich Robin Eichenberger, der im Jugendverein Cevi eine Jungschar leitete und in der Freizeit Kinder im OL trainiert, zum Zivildienst umteilen. «Wir Zivis leisten einen ebenso wichtigen und sinnhaften Dienst für die Gesellschaft wie Armeeangehörige!»
Was macht Sinn?
Stichwort Sinnhaftigkeit: Das Bundesamt für Zivildienst liess 2024 in einer Studie untersuchen, weshalb Armeeangehörige – also Männer, die bereits Erfahrung in der Armee gesammelt haben – in den Zivildienst wechseln. Den Gewissenskonflikt setzte das Amt in der Untersuchung voraus. Der mit Abstand meistgenannte Grund: die als grösser empfundene Sinnhaftigkeit.
Doch anstatt dem Dienst in der Armee mehr Sinnhaftigkeit zu verleihen, soll mit der Abstimmungsvorlage der Zivildienst erschwert werden. Ziel ist, die Zahl der Zulassungen zum Zivildienst auf 4000 pro Jahr zu senken.
Die Pläne der bürgerlichen Parlamentsmehrheit gehen jedoch weiter, bis hin zur Abschaffung des hart erkämpften zivilen Ersatzdiensts: Zur Debatte stehen die Wiedereinführung der Gewissensprüfung sowie die Zusammenlegung von Zivildienst und Zivilschutz.
Ob dies mehr junge Männer in die Armee bringen wird? Zweifel sind angebracht. Viele dürften den «blauen Weg» wählen, die medizinische Ausmusterung. «Diese jungen Männer werden dann sowohl im Zivildienst als auch in der Armee fehlen», sagt Priska Seiler Graf, SP-Nationalrätin und Präsidentin von Civiva.
Kein Zuckerschlecken
Noch ist es nicht so weit. Heute sammeln jährlich Tausende junge Männer im Zivildienst Erfahrungen, die sie prägen. Seit sechs Monaten tauscht sich Robin Eichenberger täglich mit betagten Menschen aus, lernt ihre Lebensgeschichten kennen, stellt Fragen. Klingt alles ganz einfach? Weit gefehlt. Der Umgang mit den teilweise dementen Gästen des Tageszentrums sowie Bewohner:innen ist anspruchsvoll. Und Betagte sterben. «Wenn Menschen ständig über den eigenen Tod reden, kann das emotional schwierig sein», weiss Robin Eichenberger. «Ich lerne ständig dazu.»
Im Gespräch wird klar: Der Zivi-Einsatz ist nicht nur für die Institution und die betreuten Menschen ein Gewinn. Noch im letzten Herbst wollte Robin Eichenberger an der Hochschule St. Gallen Internationale Beziehungen studieren. Nun wird er im Sommer ein Psychologiestudium aufnehmen. «Weil ich gemerkt habe, dass mir Menschen mehr am Herzen liegen.» Ihn interessiert, was in ihren Köpfen vorgeht – derzeit besonders in jenen von Tagesgästen wie Kurt Egger.
Damit das so bleibt: Gehe am 14. Juni an die Urne und stimme Nein zur Revision des Zivildienstgesetzes.
Gibt es bald zuwenig Soldaten?
Genau das befürchten bürgerliche Politiker:innen, die damit die neuen Hürden für die Zulassung zum Zivildienst begründen. Ein Blick auf die Zahlen zeigt aber: Der sogenannte Effektivbestand der Armee von 140 000 Personen ist seit Jahren höher als gesetzlich erlaubt. Der Bundesrat hat jedoch 2018 die Zahl der Dienstjahre von zwölf auf zehn gesenkt, sodass in den Jahren 2028 und 2029 zwei zusätzliche Jahrgänge aus der Armee entlassen werden. Das führt zu einem leichten Unterbestand, der – gemäss Berechnungen der Armee – ab 2030 wieder abnimmt.
Das eigentliche Problem: WK
Die Armee beklagt, dass Soldaten besonders in den Wiederholungskursen fehlten. Der Grund dafür liegt jedoch nicht in den Abgängen in den Zivildienst. Das WK-Problem hat mit der Flexibilisierung der Dienstpflicht zu tun: Die sechs obligatorischen WKs können über zehn beziehungsweise zwölf Jahre verteilt werden. Systembedingt sind so nie alle eingeteilten Soldatinnen und Soldaten anwesend.