Von Pia Wildberger
Mattea, du engagierst dich an vorderster Front im Abstimmungskampf gegen die SVP-Initiative. Wie fühlst du dich?
Mattea Meyer: Sehr gut. Ich bin voller Energie und Freude, mich wieder zusammen mit ganz vielen anderen zu engagieren. Das ist ein schönes Gefühl und nicht selbstverständlich.
Ende November hast du dich wegen Erschöpfung zurückgezogen. Wie war das für dich?
Ich habe sehr gehadert. Es ist hart, sich selbst gegenüber eingestehen zu müssen, dass ich mir selbst und auch meinem Umfeld zu wenig Sorge getragen habe.
Gab es einen Moment der Entscheidung?
An einem Samstag vor der Wintersession kam ich nicht mehr vom Sofa hoch. Da realisierte ich, dass ich etwas ändern muss. Das sehr persönliche Eingeständnis ist das eine. Dies in die Öffentlichkeit zu tragen, ist etwas anderes. Das hat mich viel Überwindung gekostet. Aber ich habe mich von Beginn weg von meinem familiären und dem politischen Umfeld getragen gefühlt. Sie haben mich zu diesem Schritt zum Glück ermutigt.
Wie waren die Reaktionen?
Die Anteilnahme war gross. Über alle Parteigrenzen hinweg zeigten viele Verständnis und wünschten mir Zuversicht und Ruhe. Der Tenor war «es kommt wieder gut». Das war sehr schön, auch weil es mir Zuversicht gegeben hat.
Wird diese Erfahrung in deine politische Arbeit einfliessen?
Ich bin mir noch stärker bewusst geworden, dass wir zueinander und zu uns selbst schauen müssen. Solidarität ist unsere Antwort auf die Trump-SVP-Schweiz, die Härte immer mehr glorifiziert und fälschlicherweise mit Stärke gleichsetzt.
Was hat dir auf dem Weg zurück geholfen?
Ich habe das grosse Glück gehabt, sehr schnell eine Therapeutin zu finden. Mein Umfeld hat mir auch immer vermittelt: Du fehlst sehr, aber komm bitte nicht zu früh zurück. Ich musste mich auch finanziell nicht sorgen. Andere in dieser Situation müssen hoffen, dass sie den Job nicht verlieren.
Haben Parlamentarier:innen eine Taggeldversicherung?
Als Co-Parteipräsidentin bin ich bei der SP taggeldversichert. Und im Parlament werden Sitzungen entschädigt, wenn man wegen Krankheit fehlt.
Du bist für viele ein Vorbild …
Vielen Menschen geht es wie mir. Viele sind dankbar, wenn man eine solche Erkrankung nicht tabuisiert, sondern darüber redet und zeigt, dass man verletzlich ist. Darin liegt auch eine Stärke.
Und was nimmst du für dich aus dieser Zeit mit?
Mehr Demut und Gelassenheit. Das politische Leben hat auch ohne mich gut funktioniert, auch weil viele Menschen zusätzliche Aufgaben übernommen haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch wenn es nicht einfach ist festzustellen, dass man ersetzbar ist: Es ist entlastend und befreiend. Ich habe nochmals bewusst Ja gesagt dazu, Co-Präsidentin und Nationalrätin zu sein. Das fühlt sich sehr gut an.
Was machst du heute anders?
Kleine Dinge. Zum Beispiel scrolle ich am Abend nicht auf dem Handy, sondern lese ein Buch. Ich habe lange Zeit kaum noch Bücher gelesen. Ich mache wieder Sport und lese meine Mails nicht auf dem Handy. Ich nehme Unterstützung an und priorisiere die Dinge. Ich mache bewusst Pause und sage auch mal Nein.
Welches Buch hat dich in den letzten Monaten besonders begeistert?
«Im Meer waren wir nie» von Meral Kureyshi hat mir sehr gut gefallen. Und «Vom Ende der Einsamkeit» von Benedict Wells habe ich verschlungen.