Clash Sexism – oder Fragen zur unterdrückten Mehrheit

Yvonne Feri, Nationalrätin AG, Präsidentin SP Frauen Schweiz

Yvonne Feri, Nationalrätin AG, Präsidentin SP Frauen Schweiz
Referat zum Weltfrauentag vom 8. März 2014 – gehalten an der Frauentag-Feier von JUSO und Jungen Grünen in der Roten Fabrik in Zürich.

In den letzten Tagen kursierte im Internet ein Video zum Thema Sexismus. Es hat für aussergewöhnlich viel Furore gesorgt – insbesondere wenn man beachtet, dass Sexismus sonst ein mediales Randthema darstellt: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=V4UWxlVvT1A 

Der Grund für die weltweite Furore ist ein einfacher: Der Film irritiert. Hätte man den Film mit einer weiblichen Hauptfigur gedreht, hätte sich niemand dazu geäussert. Der Kurzfilm Majorité Opprimée (Unterdrückte Mehrheit) der Regisseurin Eléonore Pourriat irritiert nämlich vor allem, weil er unsere Gesellschaft im Negativ zeigt; hier sind es die Frauen, die zu den Mächtigen der Welt gehören. Sie definieren die Spielregeln, sie sind Oberhaupt der Familie, sie beherrschen die öffentlichen Plätze und im Film sind Frauen die Polizistinnen und Managerinnen. Männer hingegen haben wesentlich weniger zu sagen: Ihnen wird die Hausarbeit fraglos zugeteilt, ihnen wird auf dem Weg zur Kita nachgepfiffen und sie werden nach einem sexuellen Übergriff darauf hingewiesen, dass die Shorts halt doch ein bisschen zu kurz waren. 

Der Film hat vor 5 Jahren in Kiew den Filmpreis gewonnen und wurde auf Youtube schon über 8,5 Millionen Mal angeklickt. Er hat meiner Meinung nach aber nicht nur für Diskussionen gesorgt, weil er irritiert, sondern auch weil er unsere Gesellschaft so zeigt, wie wir sie nicht gerne sehen: Als machtgeprägte Gesellschaft, in der gesellschaftliche Rollen ganz klar zugeteilt werden, in der es kein „Vielleicht“ gibt, sondern nur eine einfache Kategorisierung – entweder man ist Mann oder man ist Frau. Der Film macht auch deutlich, dass Sexismus durchaus noch existiert. Nicht mehr ganz so offensichtlich wie früher, aber dafür auch weniger umstritten. Ich weiss aber ehrlich gesagt nicht, was ich schlimmer finde: Eine Werbung aus den 1960er Jahren oder eine von heute. Nur weil jetzt nicht nur Frauen als Sexobjekte auf Plakaten zu sehen sind, haben wir noch lange keinen Fortschritt erreicht und nur weil wir jetzt gemeinsam mit Mario Barth, dem deutschen Komiker, über Geschlechterklischees lachen können, heisst das noch lange nicht, dass wir diese auch überwunden haben. 

Bei mir hat sich in den letzten Jahren sogar das Gefühl eingeschlichen, dass es früher einfacher war, für gleichstellungspolitische Themen einzustehen. Als man vor 40 Jahren mit dem Slogan „Das Private ist politisch“auf die politische Instrumentalisierung des Privatlebens aufmerksam machte, sorgte das noch für Furore. Wenn man heute auf die fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf hinweist, sorgt das nur noch für ein Gähnen. Wir haben heute alle feministischen Forderungen schon zur Genüge gehört – geändert hat sich aber trotzdem viel zu wenig. Früher waren die Missstände offensichtlich. Heute hingegen merkt man erst auf den zweiten Blick, erst wenn ein Film kurz die Geschlechterrollen tauscht, dass wir noch lange nicht bei einer gleichberechtigten Gesellschaft angekommen sind. 

Klar ist natürlich auch, dass die Trennlinie zwischen Mann und Frau, die dieser Film so offensichtlich macht, im Alltag nicht ganz so einfach zu erkennen ist. Frauen sind ja nicht per se immer nur die Unterdrückten und Männer sind Sexismus ja genauso ausgesetzt. Fakt ist aber – und das bringt dieser Film auf den Punkt -, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Geschlecht nicht wertneutral beurteilt. Wir leben vielmehr in einer Gesellschaft, die jeden und jede erst einmal aufgrund ihres Geschlechtes beurteilt und erst dann auf weitere Kriterien achtet. Wenn ich mich beispielsweise als Präsidentin eines männerdominierten Verbandes bewerben würde, wären erst einmal mein Geschlecht von Relevanz, vielleicht auch noch mein Alter und meine Vorgeschichte als alleinerziehende Mutter. Und erst dann kämen meine Partei, meine Ideen und meine Vorhaben auf den Tisch. So einfach ist das. Und wenn du dich als Mann in einer Kita bewirbst, wird erst einmal dein Strafauszug verlangt und genau geprüft, wie du den kleinen Mädchen beim Anziehen hilfst. So einfach ist das auch hier. Unsere Gesellschaft ist nach wie vor sexistisch. 

Was der Film aber meiner Meinung nach auch deutlich gemacht hat und was wir trotz all den bereichernden Diskussionen rund um Diskriminierung und Gleichheit nicht vergessen dürfen, ist: Unsere Gesellschaft kategorisiert nicht nur nach Geschlecht, sie hierarchisiert auch. Es spielt eben nicht nur eine Rolle welches Geschlecht du hast, sondern auch, welche Bedeutung deinem Geschlecht zugemessen wird. Ob dein Geschlecht auf der Gewinner- oder der Verliererseite steht. Ob es als starkes oder schwaches Geschlecht befunden wird. Oder noch extremer: Ob dein Geschlecht überhaupt als Geschlecht akzeptiert wird. Dabei ist es ja kein Geheimnis, dass die Geschlechterhierarchie spätestens seit dem Christentum ganz klar männlich geprägt ist. Männer haben grosse Schlachten geführt, Männer haben grosse Bücher geschrieben und Männer haben Politik gemacht – zu dieser Einsicht ist nicht nur das SRF mit ihrer „Wir Schweizer“-Serie gekommen, sondern ganz bestimmt auch jedes Geschichtsbuch, das ihr in der Schule behandelt habt. 

Fakt ist nämlich auch, dass wir in einer Gesellschaft leben, die nicht nur andere Kulturen, sozial schwache Schichten sondern eben auch ein bestimmtes Geschlecht seit Jahrhunderten systematisch unterdrückt hat. Man muss sich nur kurz die Zahlen vor Augen führen: Frauen können in der Schweiz erst seit etwas mehr als 40 Jahren abstimmen. Das heisst meine Mutter hatte in ihren jungen Jahren keine politischen Rechte. Erst seit 1992 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar und erst seit knapp zehn Jahren gelten solche Übergriffe als Delikt. Erst seit 1981 steht in der Verfassung, dass sich der Bund für die Gleichstellung von Mann und Frau einsetzt. Dieser historischen Vergangenheit muss man sich bewusst sein, wenn man über Geschlechterordnung in der heutigen Zeit diskutiert. 

Ich sage damit aber nicht, dass an dieser Ordnung nichts geändert werden kann. Auch ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der es keine Rolle mehr spielt, was für ein Geschlecht ich habe, mit wem ich Sex habe, aus welchem Land ich stamme oder wieviel Geld meine Familie in den letzten Jahrzehnten angehäuft hat. Wie die Abstimmung zur Masseneinwanderungsinitiative hat mir aber auch dieser Film einmal mehr gezeigt, dass wir noch weit von einer solchen Gesellschaft entfernt sind. Es spielt eben immer noch eine Rolle, woher du kommst und wer du bist. 

Schauen wir uns noch kurz zwei aktuelle Themen an:

Thema 1: Altersvorsorge – das Rentenalter für Frauen soll erhöht werden. Das mag auf den ersten Blick fair erscheinen. Auf den zweiten Blick zeigt sich hier für mich aber ein ernst zu nehmendes politisches Dilemma: Weil Frauen immer noch einen Grossteil der unbezahlten Betreuungsarbeit leisten, haben Sie grosse Ausfälle in der Altersvorsorge und damit de Facto ein kleineres Renteneinkommen. Hinzu kommt, dass Frauen auch immer noch grundlegend weniger verdienen als Männer. Auch das wirkt sich negativ auf die Rente aus. 

Genau deshalb stimmen die SP Frauen einer Erhöhung des Rentenalters auch nur dann zu, wenn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf flächendeckend besser gelöst wird. Genau hier wird politisch aber nur sehr langsam reagiert, obschon das Thema schon seit mehr als dreissig Jahren auf der Agenda steht. Für mich ist das typisch für die moderne Gleichstellungspolitik: Politische Anliegen, welche die Privilegien der dominierenden Masse – das heisst der Männerwelt – nicht in Frage stellen, finden schnell Anklang und werden entsprechend auch schneller umgesetzt. Tendenziell stärkere Frauenanliegen hingegen, die diese Privilegien in Frage stellen und Kritik an den gegebenen Strukturen üben, versanden oder werden nur pro Forma unterstützt. Die Diskussionen zum Rentenalter zeigen das ganz exemplarisch. 

Thema 2:  Von diesem Problem betroffen ist indirekt auch das Thema Berufswahl – nach wie vor ist es so, dass Mädchen frauenspezifische Berufe wählen und Jungen mehrheitlich in männerspezifische Bereiche einsteigen. Das wäre ja im Prinzip kein Problem, wenn es nicht Fakt wäre, dass Frauenberufe immer noch schlechter bezahlt werden und damit auch eine kleinere Rente und eine verstärkte Abhängigkeit von ihrem Partner riskieren müssten. Hinzu kommen die ewig rezitierten Geschlechterklischees: Frauen eignen sich angeblich mit ihrem Charakter und ihrer Art besser für den Hausfrauenjob und das Mutterdasein, Männer hingegen sind die Manager und Banker. Das zeigt ganz klar die Bewertung von Geschlecht auf, die ich vorhin aufzuzeigen versucht habe und die in den letzten Jahrhunderten historisch gewachsen ist: Männer sind rational und intelligent, Frauen hingegen sensibel und irrational. Solche Klischees mögen heutzutage lächerlich erscheinen, aber wir müssen uns bewusst sein, dass solche Rollenbilder Ausdruck einer von Machtstrukturen geprägten Gesellschaft sind. Ich sehe mich nicht als Heimchen am Herd und meinen Partner nicht als Ernährer der Familie und ich bin mir sicher, dass ihr das auch so seht. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass wir mit dieser Denkweise immer noch in der Minderheit sind und dass solche Meinungen politische Folgen haben. 

Ich könnte noch vieles erzählen, rund um den Begriff Sexismus. Sexismus ist eben nicht nur eine gefühlte Unterdrückung und Einschränkung im privaten Leben. Es geht hier nicht nur um sexistische Witze oder Belästigung am Arbeitsplatz, sondern auch um realpolitische Probleme von gewaltigem Ausmass. Sexismus ist ein ganz wesentlicher Teil unserer kapitalistischen Gesellschaft. Sexismus ist Teil einer Unterdrückung, einer Benachteiligung aufgrund von Geschlecht. Gleichstellungspolitik ist mühsam und braucht viel Geduld – sie ist kein attraktives politisches Feld. Sie führt nicht zu schnellen politischen Erfolgen und ist nur selten mehrheitskonform. Man gewinnt mit Gleichstellungspolitik weder Sympathien noch Medienpräsenz. Gerade deshalb ist sie aber auch so wichtig: Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten dürfen nicht vergessen, dass Systemkritik mit zu unseren Aufgaben gehört. Und dazu gehört für mich auch die Kritik am bestehenden Geschlechtersystem. Wir müssen die hier bereits erreichten Ziele unbedingt bewahren, dürfen keine Rückschritte tolerieren und müssen vorwärts gehen. Für die gleichen Chancen im Leben von Männern und Frauen und die Akzeptanz aller geschlechtlichen Formen. 

Die Rolle der SP – und ganz besonders der JUSO – muss es deshalb nach wie vor bleiben, geschlechterabhängige Privilegien erstens aufzudecken und zweitens zu bekämpfen. Und dabei ist es ganz egal, ob es sich um reiche Boni-Banker, rassistische Rütli-Schweizer oder sexistische Berlusconi-Männer handelt. So einfach ist das. 

Ansprechpartner:innen zu diesem Thema

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